Vorbemerkung zur Thematik
Vor wenigen Jahren war die Buchstabenkombination "www. ... .de" noch nicht
einmal erfunden. Inzwischen ist sie allgegenwärtig. Jede kleine Firma
gibt ihre Domain bekannt. Selbst die kleinste Lokalität erhebt damit
den Anspruch auf weltweite Präsenz und Zugänglichkeit, zeigt sich
präsent im WorldWideWeb, Unterabteilung Deutschland. Viele Webseiten
mögen bloß modischer Aufputz sein und an den Sachen, die dahinter
stehen, einstweilen gar nichts ändern. Das Neue konzentriert sich zunächst
einmal auf die Kommunikationsweise in der Welt der sprachlichen Zeichen.
Gerade deshalb geht auch die Germanistik ins Netz, sie kann gar nicht anders.
Wir haben uns für den nächsten Germanistentag die Domain www.germanistik
2001.de gesichert. Unter dieser Internetadresse lassen sich alle Informationen
abrufen. Zugleich ist die Adresse in den Rang eines Tagungstitels erhoben
und signalisiert damit, daß sich der Germanistentag mit der sogenannten
Medienrevolution programmatisch auseinandersetzen wird. Die Formulierung
"Germanistik im Netz" ist mehrdeutig und soll es sein. Sie bezieht sich nicht
nur auf die Sprachkultur in der Existenzform des WorldWideWeb. Sie bezieht
sich gleichermaßen auf die internationalen Vernetzungen der Wissenschaft.
Die Digitalisierung der sprachlichen Informations- und Kommunikationssysteme
und ihre neuartige Einbindung in den Komplex der Multimedien gilt als eine
der großen Herausforderungen unseres Faches. Es ist eine Herausforderung,
die die Systematik des Faches angeht.
Die andere Herausforderung ist eine historische. Sie liegt in der Frage beschlossen,
was mit dem historisch gewachsenen Selbstverständnis der bisherigen
Nationalphilologie geschehen wird, wenn im Zeichen von Internationalisierung,
Europäisierung, Globalisierung ihre Gegenstände und Fragestellungen
neu bestimmt werden sollen. Der Begriff der Entnationalisierung kann diesen
Problemkomplex kennzeichnen. Der Europarat und die EU-Kommission haben das
Jahr 2001 zum "Europäischen Jahr der Sprachen" ausgerufen; ein Grund
mehr, die Vernetzungen des europäischen Mehrsprachenraums im Sektionen-Programm
besonders zu akzentuieren.
Neubestimmung ist notwendig immer auch Rückbesinnung. Vergangene Epochen,
Formen, Gattungen sind nicht einfach erledigte Paradigmen, oft enthalten
sie neu zu erprobende Muster und Möglichkeiten. Die Germanistik hat
es mit Kultur-, nicht mit Naturgegenständen zu tun. Deshalb ist die
Arbeit im historischen Erfahrungsraum des philologischen Erkennens unabdingbar.
Viele der die gegenwärtige Zukunftsdiskussion beherrschenden Denkfiguren
sind in früheren Perioden präfiguriert. "Global" dachten und handelten
bereits die Missionare, Handelsreisenden und Konquistadoren der Frühneuzeit;
universalistische Konzepte diskutierte schon das Mittelalter. Die "Einheit
Europas" war bereits ein Thema der Humanisten und, mutatis mutandis, aller
Antiken-Renaissancen. Über den "Cultural turn" der Germanistik hätten
die Brüder Grimm wohl sagen mögen, sie seien mit ähnlichen
Problemen auch schon beschäftigt gewesen. Was neu ist und was als innovativ
gelten darf, kann nur beurteilen, wer das Frühere kennt. Nicht jede
Innovation ist ein Fortschritt. Woran sich Fortschritt bemißt, ist
im kulturwissenschaftlichen Bereich alles andere als geklärt. Indem
sich die Germanistik auf die modernen Vernetzungen einläßt, kann
sie sich von der klassischen Frage: wozu und zu welchem Ende? nicht verabschieden.
Die Sektionen des Germanistentages sind nach Themenbereichen gegliedert, nicht
nach Teildisziplinen. Jede Sektion ist grundsätzlich für alle Vertreter
des Faches offen, für Forschende, Lehrende und Studierende, für
Sprach- wie für Literaturwissenschaftler, für historisch wie für
gegenwartsorientiert Arbeitende, für medienpädagogisch wie für
fachdidaktisch Ausgerichtete, für Lehrende sowohl der Schulen wie der
Hochschulen. Natürlich haben die einzelnen Sektionen verschiedene fachliche
Schwerpunkte, ihre innere Konsistenz muß gewährleistet sein. Doch
sind alle Referenten und Teilnehmer herzlich dazu eingeladen, über die
Grenzen ihres eigenen Spezialgebiets nach Möglichkeit hinauszublicken.